Bolero, May 97

Spürhund für Schräge Schönheit
Cafés, Clubs, Bars, Dancefloors oder die Strassen Manhattans sind lohnende Jagdgrünge. Hier findet Ned Ambler Frauen und Männer mit faszinierenden Gesichtem. Seine phänomenale Spürnase lässt ihn neue Models entdecken. Genau jene hübsch-hässli- chen Kreaturen, die den angesagten Reality-Groove in gestyle Werbekampagnen bringen.

Text: Katharina Sand Foto: Josh Jordon (Porträt)

Ich hatte noch nie Sex mit den Leuten, die ich fotografiere.)) Die Auswahl an Menschen, die zum Flirten übrigbleiben, ist begrenzt, denn nur wenige Leute, die sein Leben kreuzen, hält er nicht im Bild fest. Davon zeugen sieben kaputtfotografierte Polaroid-Kameras. Ned Ambler ist ((Casting Impresario)). Der Mann, der für Calvin Klein die cK one-, cK be-, CK-Jeans-Werbung und die Kampagnen der Casuelear-Marke Gap mit neuen Gesichtern ausstaffiert hat. Gesichter, die die Regeln der Schönheitsstandarsd neu schreiben. Gesichter mit langen oder krummen Nasen, ((Gesichter mit Seele)) sagt Ned. Gabirel Zapata, den 22 jährigen Mathmatikstudenten, fand er im Sommer in einem Springbrunnen sitzend. Zapata ziert jetzt die cK be-Poster in dem Häupstädten der Welt. ((Gabriel hat etwas wunderbar Rasputinisches)), meint Ambler, ((er ist (sehr Ned).)) Das heisst nicht, dass die beiden sich ähnlich sehen - Ambler gleicht eher einer Mischung aus 80er-Jahre-New-Wave-Rocker und Andy Warhol.
Zuerst fällt des 27jährigen auf, und dannS((Gefallt dir meineneue Frisur?)) unterbricht er meine Inspektion seines Stylings. Hmm, ich hatte gehofft, dieses Thema zu umgehen, ringe mir aber ein ((interessant)) ab, warscheinlich nicht sehr überzeugend. Doch meine Meinung ist nicht wirklich gefragt. ((Ich muss meinen Look alle neunzig Tage wechseln! Ich trug die Haare vorher blau gefärbt und pompadourmässig frisiert.)) Jetzt ist die Farbe undefinierbar und der Schnitt ein Ding zwischen Topf- und Mohawk- Frisur. ((Ich war schon immer ein Aussenseiter)), beschreibt Ned seine Kindheit in Virginia. ((Ich war derjenige, der Frisbee auf dem Friedhof spielte.)) Die Eltern sahen ihn als Anwalt oder Arzt und schickten ihn in ein Internat. Jahrelang musste er sogar samstags in Anzug und Krawate zum Unterricht. Sowas prägt natürlich; seine Arbeitskluft besteht heute aus einem schwaarzen Pullover mit einem Loch und einer ausgewaschenen roter Röhrenhose mit Spinnennetzmuster. ((Meine Eltern sind ja ganz nett, aber wir haben nichts gemeinsam. Ich war adoptiert. Mein Vater verwaltet Immobilien, und die beiden hören sich noch nicht einmal Musik an.))
Heute (adoptiert) Ned wie ein rühriger Vater optische Aussensieter der Beautiful-Gesellschaft und vermittelt sie an Top-Fotografen wie Steven Meisel und Richard Avedon. Dadurch wurde er selbst zum Star. Der Durchbruch kam nach dem Abschluss der Filmschule in New York durch einem Job als Assistant für ((L'uomo Vogue)), ((Mich wundert es immer noch, dass die mich genommen haben)), staunt Ambler. ((Nicht einmal in diesem Café hier hätte ich einem Job bekommen, so durchgedreht war ich.)) Doch manchmal spielt die Vorseung eben gute Fee. Eines Tages wurde er von Steven Meisel losgeschickt, um ((echte Menschen)) für ein Foto-Shooting zu besorgen. Seine Auswahl kam an, und in der nach neuen Gesichtern hungernden Modeszene wurde Ned Ambler zur Schlüsselfigur. ((Durch meinen Job vermittle ich ungewöhnlichen Leuten eiene Platz in dieser Gesellschaft. Ich verändere die Ideale)), meint Ambler. Als die Bestelung gebracht wird, lächelt er: ((Die Kellnerin habe ich in einer Unterwäschekampagne untergebracht.))
Neds Business mit der schrägen Schönheit scheint gefragt. ((Man braucht sich Nur die Talkshows im Fernsehen anzusehen, um zu merken, dass in den 90ern alles möglich ist)), erklärt er seine Marktnische. Auf Talkqueen Oprah Winfreys Gästeauswahl alleine ist der Trend aber wohl nicht zurückzuführen. Eine auf junge Leute getrimmte Werbebotschaft braucht im Big Apple sogenannten ((street cred)), die Akzeptanz der Strasse. Deshalb wird sie von glaubhaft coolen New Yorkern vorgeführt, und die findet Ned auf der Straase (oder im Springbrunnen). Neds Casting für die von Richard Avendon fotografierte cK one-Kampagne machte das Parfum zum Weltbestseller 1995. Für die darauffolgende cK be-Kampagne erwählte Ned neben Gabriel Zapata auch Kenny Jossickm einen 28jährige Schmuckdesigner, und die 24jährige Theo, seine beste Freunded und Sängerin der Undergroundband ((Lunachicks)). Mark Stratton, der Produktionsleiter der beiden Kampagnen, erklärt: ((Die Jungen wollen Leute, mit denen sie sich identifizieren können. We sich als Rebell fühlt, dem gefallen Bilder von tätowierten und gepiercten Aussenseitern - auch wenn man sich später für eine Karriere an der WallStreet entscheidet.)) Der Produzent stiess anlässlich einer verzweifelten Suche nach Skinheads auf Ambler, ((Ich hatte bei allen Model-agenturen angefragt - niemand konnte mir helfen. Dann rief ich Ned an, und innerhalb kürzester Zeit hatte er ein paar toole Typen zur Auswahl - und eine Reihe von Leuten, die sich für den richtigen Preis kahlscheren lassen wollten.))
Wie findet Ned Ambler, was die anderen vergeblich suchen? ((Es ist ein sehr spirituelles Erlebnis)), meint er verträumt, ((es kommt gar nicht darauf an, wo man ist, man muss nur offen sein. Wenn man dann das Gesicht findet, ist es jedesmal ein Wunder.)) Er schaltet nie ganz ab, inspiziert auch während dem Interview jedes Gesicht imCafe, in dem wir sitzen. ((Man könnte leicht ungeduldig werden, wenn man an einer Strassenecke steht und wartet, aber man muss an höhere Kräfte glauben)), erklärt er weiter und erzählt auch, dass er täglich meditiert und betet. So vage wie das alles klingt, geht er nat:urlich nicht vor - ein grosser Teil seines Erfolgs liegt darin, dass er den richtigen Riecher dafür hat, an der richtigen Location zu warte. Für die von Mario Testino fotografierte Gap-Kampagne fand er die gewünschte japanische Rockband in einem 3tägigen Marathon, wo er an jeder Probe und jedem Konzert jeden japanischen Musiker fotografierte. Inzwischen muss Ned Ambler schonnhin und wieder einen Assistenten zue Unterstüzung anheuern.
Sein Büro werde gerade renoviert, hatte er am Telefon erklärt, bevor wir uns trafen. Er richte ein Fotostudio ein, und wir müssten uns anderswo treffen. Verständlich, hatte ich gedacht, bei seinen unzähligen Aufträgen von Dolce & Gabbana, Levis, Coca-Cola. Und ich traute ihm auch die Installation eines Jaccuzzi zu. Doch dann musste ich eine ernüchternde Entdeckung machen. Ned hatte vergessen, mir Polaroidfotos seiner letzten Entdeckungen mitzubringen. Also gingen wir nach dem Frühstück die drei Strassen zu ihm (natürlich spähte er auch dabei jedem Passanten ins Gesicht). Wir stoppten vor einem kleinen Haus mit abblätternden rosa Farbe. Ich entdeckte kein Zeichen von Umbauten. Später erzählte mir ein gemeinsamer Bekannter lachend: ((Umbauten? So ein Quatsch! Ned hat doch nur ein winxiges Zimmer gemietet, in dem er lebt und arbeitet.)) ((Bin gleich wieder da)), meinte Ned und huschte eine schmale Treppe hoch, während ich in einem dunklen Korridor mit einem abgettretenen Perserteppich und einem einfachen holzgerahmten Spiegel wartete. Kurz danach brachte er mir zwei dicke Stapel Polaroids, schnappte die Gummibänder ab und breitete die Fotos auf dem Sims vor dem Spiegel aus. Ich suchte mir drei Bilder aus: einen wild tätowierten Teenager, eine Frau um die dreissig mit Cowboyhut. Ned schüttelte den Kopf - ((Die bekommit nie einen Auftrag)), ((zu alt)), ((offensichtlich Heroinaugen)) kritisiert er de Auswahl. ((Bei den Mädels suchen die Warber im Endeffekt junge, hübsche Frauen, die Models sein könnnten, ohne für sie eiene hohen Agenturpreis zahlen zi müssen.)) Ein ((Ned-Ambler-Model)) bekommt etwa 1500 Dollar Honorar, Peanuts im Vergleich zu den Profis und finanziell höchst interessant für die Budgets der Werbeagenturen. Wie die Kellnerin im Café leben die meiseten danach genauso weiter wie zuvor. Jakob Prüfer dagegen, der blonde junge Kock, den Ned auf einer Parkbank für Gap aufgespürt hatte, wurde letzten Sommer von Ford Models unter Vertrag genommen. Ich zeige auf eiene Mann mit - sorry - Fischgesicht und Goldkettchen. Ned schüttelt fast mit Abscheu den kopf: ((Attraktiv müssen auch die Männer sein - ungewöhnlich, aber attraktiv.)) Er blickt in den Spiegel, und ich schliesse aus der verspielten Art, mit welcher er seine Haare zurechtzupft, dass er sich den letzteren zählt.
Wo zieht er die feine Linie> Was ist mit der verkündeten Revolution der Schönheitsideale? Was macht einen Menschen?

((Ich habe einfach ein Gespür dafür)), meint Ambler bescheiden.

**Für die neue Calvin-Klein-Werbekampagne lichtete Starfotograf Richard Avedon Ned Amblers Fundstücke ab. Oben: Gabriel Zapata. Auf Entdeckung warten die Gesichter von zahllosen Strassenbekanntschaften des ((Casting Impressarios)).

Fotos: Ned Ambler
Foto: Richard Avedon