Merian, January 98

Merian - January 98

Von Gerhard Waldherr und Ken Schiles (Fotos)

 An der Ecke Second Avenue/St. Mark's Place ist cine Bushaltestelle. Wenn Ned Ambler im New Yorker East Village auf dem Weg ins Café Orlin hier vorbeikommt, trifft er gelegentlich alte Bekannte. An diesem sonnigen Sommertag ist es Gabriel. Gabriel sicht nicht gut aus. Müde. Matt. Traurig, kantige Züge um die mĠchtige Nase, das zottelige schwarze Haar hängt imh ins graue Gesicht. Donnoch hat Gabriels monumentales Antlitz eine magische bleiben stehen. Und Abler sagt im Vorbeigehen: ,,Wow, was für ein großartiger Typ, er ist einfach großartig." Ambler erinnert sich, wie er dem einsamen Studenten Gabriel im Washington Square Park zum erstenmal begegnete. Das liegt schon einige Zeit zurück. ,,Er saß am Brunnenrand, schaute verträumt vor sich hin, und ich habe sofort gesehen, daß er ein gewaltiges Potential hat." Er machte Polaroids, cines von vorne, ein Profilfoto, eine Ganz-körper-Aufnahme. Notierte Alter, Schuhnummer, Konfektionsgroße, Adresse. So macht er es immer bei den großartigen Typen. Hunderte hatte er davor gasammelt, Hunderte danache, und immer wieder waren solche dabei, die die Warbeagenturen begeisterten. Deswegen hängt Gabriel nun an der Bushaltestelle als Reklame für Calvin Kleins letzten Verkaufsschlager, das Parfüm cK be. Ned Ambler ist mit 28 Jahren New Yorks Jungstar im Casting-Geschäft. Auch er sicht nicht gut aurs, müde, matt trurig. Sin hageres Gesicht ist fahl, sin gefärbtes Haar klebt wie pechschwarzer Kleister auf dem Kopf. Aber er übt einen magischen Reiz aus auf alle hippen Marktforscher und Werbefachleute. Ned Ambler wird hofiert von Starfotografen wir Steven Meisel oder Ellen Von Unwerth und führenden Modelagenturen wie Wilhelmina. Er arbeitet für alles, was vorne mitmischen will bei den Trends: Levi's, Coca-Cola, Dolce & Gabbana, Matsude, oder Comme de Garcon. ,,Er hat die Werbung in der Mode komplett verändert", erklärte Jeannie Becker feierlich in einer Sendung des Musiksenders VH1. Denn Ambler ist der Liebling von New Yorks unumstrittenem Modedoyen - er ist das Auge von Calvin Klein und gab den Kampagnen der Duftwässer cK one und cK be die Gesichter. Was der geniale Marketingstratege Calvin Klein dabei suchte, war nicht makellose Schönheit, sondern ein neues Images. Botschaften für die Zukunft. Das Werbekonzept von cK be wurde von den Kreativen der Branche gefeiert wie ein Kunstwerk. Der erlauchte Meister Richard Avedon fotografierte, was Ambler und dessen Kollegen auf den Strßen der Lower East Side, von den McDonald's-Restaurants in Harlem, den Jugendherbergen am Times Square und in den Musikkneipen der Bowery oder den Schwulenklubs am Hudson River aufgetrieben hatten. Es waren Charaktere mit der Ästhetik des Absonderlichen, wilde Typen und unangepaßte Streuner, sinistre Figuren und schüchterne Einzelgänger. Calvin Kleins Sprecher Robert Triefus sagt: ,,Ich denke, die, Kampagne sieht Schönheit auf ganz untersschiedliche Weise. Dazu gehört auch eine Schönheit, die man auf den ersten Blick nicht sieht."
Im Café Orlin am St. Marks Place: Links hinten in der Ecke sitzt Ned Ambler und trinkt eine Himbeerlimonade. Er wirkt schüchtern, seine Bewegungen sind sparsam, aber er hat lebhafte, unruhige Augen. Sie wandern durch das Lokal, von Tisch zu Tisch, sein Blick fixiert, prüft, urteilt. Es ist Samstag nachmittag, und die Kinder der Nacht frühstücken. Eine Reise über ihre Gesichter ist wie ein Atlas menschlicher Diskrepanzen - alle Formen, alle Rassen, alle Klassen. Er sagt: ,,Wir definieren Schönheit heute anders. Schönheit heißt nicht mehr, makellos zu sein. Schönheit muß interessant, muß anders sein." Das East Village ist New Yorks buntestes Schaufenster für kecke Stylings und fresche Fashion. Ambler: ,,Das ist die Schönheit, die ichmeine und die immer schon da war. Die jungen Menschen haben sich nicht so sehr geändert. Nur das hat sich geändert: daß heute ein dankbares Reivier. Nirgendwo sonst ist die Welt schräger und schriller, nirgendwo sonst sind die Trends kurzlebiger - New York ist eine Strolmschnelle das Wandels. Nirgendwo sonst würde Ambler selbst mehr Entsprechung finden. Gestern trug er Klamotten aus dem Secondhand-Laden und sein Haar zu zwei Flügeln modelliert, heute steckt er in Fred-Perry-Polohemden und seine Frisur ist neu arrangiert. Und Morgen? ,,We weiß." Ambler kommt aus Richmond, Virginia. Dort hatten sie reichlich Sitte und Anstand, samstags Barbecue und sonntags Gottesdienst. Er sagt: ,,Ich bin in einer langweiligen Welt der Tabus großgeworden. Denn ich liebe Stars und schillernde Figuren." Modezeitschriften waren immer die Kataloge seiner Illusionen, ,,ich habe mich nie für etwas anderes interessiert. Das hat mein Auge geschult." Und natürlich wollte auch er ein Star sein und eine schillernde Figur. Der schüchterne Filmstudent bekam die Chance seines Lebens, als er als Styling Assistant bei L'Uomo Vogue jobbte und damit beschäftigt wurde, Hemden aufzubügeln. Als die Redakteure einmal ein Dutzend Kids von der straße für eine Bilderstrecke suchten, schickten sie Ambler. Er kam mit fünfzig Polaroids zurück.
So ging es weiter. Mark Stratton, der Produzent der cK one-Reklame, brauchte irgendwann ein paar Skinheads. Man empfahl Ned, und Ned fand sie, dazu ein Dutzend Nicht-Skinheads, die für den richtigen Preis gern Skinheads geworden wären. Stratton war von der Socken: ,,Ned hat einen unglaublichen Blick für junge Leute, die groovy, abgefahren, attraktiv oder geheimnisvoll düster sind." Ned machte aus einer Bedienung mit kurzgeschorenem Haar namens Heather eine Busreklame und aus der unterernährten Pornodarstellerin Kembra eine Dobbelseite auf Hochglanzpapier für Haute Couture. Und dann ist da noch die dralle Blondine, die in einem Musikvideo von David Bowie ihre Oberweite bedrohlich in Szene setze. ,,Just ask for Ned", notiert die New Yorker Szenezeitschrift Interview. Casting um Mitternacht. Ambler hatte eine Adresse genannt, den heißesten Platz in der Stadt. Man landet irgendwo, wo niemand zu wohnen scheint, und der Taxifahrer fragt, ob man sich nicht in der Adresse geirrt habe: Squeeze Box, ein schlecht beleuchteter Klub immiten düsterer Lagerhallen am Hudson River. Der Laden ist schmuddelig, verraucht; wo das Klo ist, kann man riechen. Bildschirme zeigen Videoclips mit Fellatio und Analverkehr, Kofoperationen und Cartoons. Auf dem Tresen ein Gogotänzer mit Lackhöschen, die manche tragen Mützne wie Filzschlappen. Frauen in Jacken wie Flokatiteppiche. Ambler schlängelt sich durch die Massen. Ritschratsch macht die Polaroid, während ein jungen schwuler Schönling vor einem Heizungsrohr posiert. ,,Hier finde ich alles, was ich brauche, die schillerndsten Figuren der Welt", sagt Ambler. Nebenan an der Bar steht Oberarmen trägt sie monströse Tätowierungen. Sie spielt neben den Drag Queens Miss Guy and Lily of the Valley die Hauptrolle in Amblers fünfzigminütigem Debütfilm ,,Rockstar", Ambler sagt: ,,Für mich ist Theo die schönste Frau des Planeten, weil sie real ist, wahrhaftig, echt. Das ist eine Aura, die professionelle Models nicht haben."
Theo war auch Modell für die cK be-Werbekampagne. Theo lächelt nie, sie hat zuviel Speck auf den Hüften - zu Claudia Schiffer verhält sich so was wie Theo haben sich die Parameter für hip und trendy endgültig gewandelt. Stratton sagt: ,,Ich glaube, junge Leute wollten irgendwann in der Werbung jemandem begegnen, der wie sie selbst aussiht oder zumindest wie eine Phantasie davon. Wer sich wie ein Rebell fühlt, fühlt sich wohl mit Piercing und Tattoos. " Perfektion und Korrektheit spielen keine Rolle mehr in ihrem Leben. Und was früher ein Ring im Ohr war, ist heute ein Stein in der Brustwarze oder im Bauchnable. Der schöne Schein ist perdu - die Stilrichtung, die alles veränderte, nennen sie ,,New Realism". Das Buch ,, Reviving Ophelia", in dem es hauptsächlich darum geht, wie grausam unrealistisch Schönheitsideale für Frauen sind, gelangte 1996 in den USA auf die Bestsellerliste: Ikonen der Beau-tykultur wie etwa Cindy Crawford zierten nicht mehr die Cover von Harper's Bazaar, sondern nur noch die Titelseite des Katalogs von Otto Versand, Hamburg. Das Parfüm cK be toppte schließlich cK one, dabei war die milchige Flasche mit dem Aluminum-Schraubverschluß 1995 schon das weltweit meistverkaufte Parfüm gewesen. Auf den Laufstegen der New Yorker Fashion-Shows flanieren seither bulimisch wirkende Grazien mit eckigen Hüften, flachen Busen, tiefliegenden Augen und somnambulem Blick. Und das ist letzlich die logische Fortsetzung der Aufbruchstimmung der Neunziger; Fotografen wie Wolfgang Tillmans oder Jürgen Teller hatten Anfang des Jahrzehnts in London eine neue Optik für die Magazine I-D and THE FACE geprägt, Fashion-Schneider wie Helmut Lang, Miuccia Prada ihr ironisches Spiel mit klassischen Elementen getrieben. Irgendwann ergab das alles Antichic und Lexustrash, und mit der Mode änderten sich die Models. Der Hamburger Designer Wolfgang Joop, der sich seine Anregungen vorzugsweise in New York holt, sagt dazu: ,,Die Modefotografie der Neunziger spiegelt den Nihilismus der Jugend wider, ihre Sehnsucht nach eigener Romantik und ihr Bedürfnis, nicht eyabliert, satt, gebräunt und unbeeindruckt zu sein von der Übersexualisierung und dem allgegenwärtigen Leistungsdruck. " Die Sehnsucht nach einer eigenen Romantik aber führte diese Jugend auch in düstere Ecken. Anfang 1997 starb der blutjunge New Yorker Modefotograf Davide Sorrenti an einer Überdosis Heroin; seine drogenabh:angige Freudin hatte als Model gearbeitet. Davides Mutter Francesca beschuldigte daraufhin die Branche, ungeniert in der Webung mit dem sogenannten Heroin Look gedealt zu haben.
In der Squeeze Box sinnierte Ned Ambler über die schrille Szenerie: ,,Die Welt sieht nicht immer so aus, wie das Establishment sie gerne haben möchte. Drogen sind eine Realität, auch in der Politik." Im Café Orlin meinte er angesichts der welken Blüten einer langen Nacht: ,,Die Aufregung über den Fall Sorrenti war nur deshalb so groß, weil man kapiert hat, welche Power die Werbung in der Mode bekommen hat. New Realism hat des Images, die man braucht, um junge Menschen zu erreichen und zu verändern." Und Gabriels nachdenklich stimmendes Konterferi ist die plakative Entsprechung von Amblers Sicht der Dinge. An der Bushaltestelle sagte er: ,,Das Entscheidende ist: Heute muß man auf der Reklamewand der Wahrheit ins Gesicht sehen, und das gefällt vielen nicht." Aber am Ende ist alles eine Frage der Schweise.

Gerhard Waldherr, bis 1997 Amerika-Korrespondent des Stern, lebt in New York und arbeitet als freier Journalist für deutsche Blätter. Ken Schiles, 1960 in New York geborene, fotografiert u.a. für amerikanische und deutsche Magazine.

Neds Entdeckungen sind keine makellosen Schönheiten, sondern Typen: United Colors of Youth mit leicht verlebten Zügen. Ned findet sie auf der Straße, in Clubs, Kneipen. Es sind unangepaßte Beauties. Andere Gesichter Dank Ned: groß rausgebracht bei Calvin Klein Squeeze Box, Gäste: Der Club ist Neds Model-Pool.